Lesen
In der Kollegstufe habe ich gerne gelesen. Handke. Menasse. Camus. Alles abseits des Schulkanons. Auch im Zivildienst noch, der Zeit, in der man, liest man nicht wenigstens, völlig verdummt. Der jüngste meiner blinden Fahrgäste, leider auch der, der am weitesten weg wohnte, nötigte mich dazu, im Malteser-Bus Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen zu hören. Und nur um die Stimme des Kindes nicht hören zu müssen, willigte ich ein. Das Kind auf die hinterste Bank des Busses verbannt, Bibi sehr laut. Die Kollegen verlangten nach Geschichten über Besäufnisse oder noch besser: Tussen, die man gefickt hätte. Wenn man da nicht mithalten konnte, musste man einen anderen Weg finden, Aufmerksamkeit zu erhalten. Unfälle mit dem Dienstbus. Autos, die man quasi gefickt hätte. Zivildienstleistende meines Jahrgangs schienen mir allesamt die Pubertät nochmals zu durchleben. Der lästigste, der hoch angesehene Bachmayer brachte es auf hunderte von Tussen und von seinem Unfall wird man sicherlich heute noch bei den Maltesern sprechen. Er hat einen an einer roten Ampel stehenden Kleinwagen ungebremst mit 60 km/h gefickt. Kein Wunder, wenn man die Nacht in einer Discothek zubringt und nach durchwachter, durchgemachter Nacht den Dienst antritt.
Discothek. Serjoja fuhr mir neulich über den Mund; er hasse dieses Wort. Man sage Club. Discotheken seien die Orte, an denen unsere Eltern und Großeltern tanzen gingen. Ausgestorben also. Für jemanden, der gerade einmal ein paar Wochen in Deutschland lebte, der gerade mit der deutschen Sprache kämpfte, eine doch bemerkenswerte Beobachtung. Es sei denn, im Russischen gibt es auch beide Wörter. Und Club, tatsächlich, sehr in Mode.
Dass ich Menasse gerne gelesen hatte, wusste ich. Fast täglich viel mein Blick auf die drei Suhrkamp-Bücher im Regal. Weshalb ich nicht weitergelesen hatte hingegen, wusste ich nicht. Vielleicht bedurfte es des Aufklebers „Bestseller 8,90€“, dass ich den Namen heute erst wieder wahrgenommen habe. Das Bestseller war mir dabei egal, der Preis aber schien attraktiv für fast dreihundert Seiten Sprache, die ich mochte. Der Titel lockte zudem, diese Verquickung zweier literarischer Stoffe. La Mancha habe ich erst im Januar dieses Jahres gekreuzt.
Ziemlich enttäuscht übrigens, keine einzige Windmühle gesehen zu haben. Und Don Juan, an ihn denkt man doch sowieso fast täglich.
Mit Siegfried Lenz hatte ich keine besonderen Erfahrungen. Die Deutschstunde. Keine große Erinnerung mehr daran. Nur an die Leseumstände. Mit Frau Henschke, Tine, Nina, Janni, Alexander und einigen, deren Namen ich schon lange vergessen habe. AK Lesen, Pluskurs Lesen, Lesestunde. Keine Ahnung mehr, wie diese nachmittägliche Stunde in der elften Klasse hieß. Auch nicht, was wir noch gelesen haben. Insofern, naja, Siegfried Lenz ist hängen geblieben. Deshalb heute vielleicht der Griff zu ihm. Neu. Kurzer Titel. Dünnes Buch.
Der dritte Kauf. Murakami. Vor vielleicht zwei Jahren einmal einen Band mit Erzählungen verschlungen.
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